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Inspiriert durch die Geschichte vom Adler-Ei hier eine andere Variante derselben Story:

Ein Bauer fand einmal ein Adler-Ei und legte es einer seiner Hennen im Hühnerhof ins Nest.

Der Adler wurde zusammen mit den Küken ausgebrütet und wuchs mit ihnen auf.
Da er sich für ein Huhn hielt, gackerte er. Er schlug mit den Flügeln und flatterte immer nur höchstens einen oder anderthalb Meter in die Höhe. Wie ein anständiges Huhn. Und er scharrte in der Erde nach Würmern und Insekten.

 

  Adler und Huhn

Irgendwann bemerkte der Adler, dass ihn die Hühner schräg ansahen, und er wunderte sich. Was machte er nur verkehrt? Er bemühte sich sehr, ein gutes Huhn zu sein, doch wenn er gackerte, klang es immer heiser. Seine Flügel waren unnatürlich groß, sein Körper unnatürlich klein und sein Schnabel schrecklich krumm. Die anderen Küken, die ihren Müttern immer ähnlicher wurden, machten sich über ihn lustig. "Du bist keiner von uns!" riefen sie, pickten nach ihm und so sehr er sich auch bemühte, er durfte nicht mehr mit ihnen spielen.

Betrübt hockte der Adler in einer Ecke des Hühnerstalls und ließ den Kopf hängen. Er fühlte sich einsam, häßlich und ausgesprochen nutzlos. Er fing an, die Hühner, die ihn so schlecht behandelten, zu hassen. Schließlich wurde er sehr krank. Das rief den Bauern auf den Plan. Auch er hatte inzwischen erkannt, dass mit diesem Vogel irgendetwas anders war. Er ließ einen Vogelkundigen kommen, der erfreut in die Hände klatschte und rief: "Bauer, du hast einen Adler in deinem Hühnerstall. Sei froh, dass er deine Hennen noch nicht gefressen hat. Gib ihn mir nur, und du sollst reich dafür belohnt werden!"

So verkaufte der Bauer den Adler an den Vogelkundigen, der eine große Falknerei hatte. Erstaunt lernte der Adler, dass es außer Hühnern auch noch andere Vögel gab, und dass er nicht nach Würmern und Körnern picken musste, von denen er ohnehin nie satt geworden war. Er erschrak zutiefst, als ihm der Falkner ein totes Küken anbot. Zuerst weigerte sich der Adler es zu fressen. Doch weil er nichts anderes bekam, und die Vögel in den anderen Käfigen auch keine Hemmungen hatten, Küken zu fressen, fügte sich der Adler in sein neues Schicksal.

Rasch wurde er kräftiger und seine Ausbildung begann. Der Adler war klug und sehr gelehrig. Schon bald lernte er fliegen und jagen und der Falkner gewann viele Preise mit ihm. Trotzdem fühlte sich der Adler einsam. In der ganzen Falknerei war niemand seinesgleichen, mit dem er hätte sprechen können. Der einzige Sinn seines Daseins war zu tun, was ihm der Falkner beigebracht hatte. Nach jedem Jagderfolg bekam der Adler einen Leckerbissen, doch dann wurden ihm auch schon die Augen verbunden, und man sperrte ihn wieder in den Käfig.

Wenn der Adler nachts schlief, träumte er oft von den Landschaften, die er während seiner Jagdausflüge gesehen hatte. Mehr als einmal war er versucht gewesen, einfach weiter zu fliegen und heraus zu finden, was das für eine Welt war, die er von oben sah. Doch er hatte immer seine Aufgabe erfüllt und war zum Falkner zurück gekehrt, der ihm seine Treue und Pflichterfüllung mit Nahrung und Pflege vergalt. Dennoch belauschte der Adler aufmerksam die Unterhaltungen der Falken im Nachbarkäfig. Sie hatten ähnliche Gedanken wie er. Und tatsächlich: eines Tages kehrte einer dieser Falken nicht von der Jagd zurück. Die Aufregung in der Falknerei war groß. Auch der Adler war sehr aufgeregt. Viele Spekulationen wurden angestellt und niemand wußte, ob der Falke nun in Freiheit lebte oder gar sein Leben verloren hatte. So lernte der Adler, dass das, was man als Freiheit bezeichnete, wohl auch gefährlich sein mußte. Dennoch fühlte er einen unbändigen Drang danach, selbst diese Freiheit einmal zu spüren. Er faßte den Plan, die nächste Jagd zur Flucht zu nutzen.

Er war hin- und hergerissen vor Aufregung und Bedenken. Er empfand Schuldgefühle gegenüber dem Falkner, der ihm Nahrung und sichere Unterkunft bot. Doch der Wunsch frei zu sein stand über allem. Seine Entscheidung war gefallen.

Der darauf folgende Tag brachte jedoch eine Überraschung: der Falke war wieder da. Jemand hatte ihn aufgelesen und zurück gebracht. Der Adler erkannte nun die Bedeutung des Ringes, den man an seinem Bein befestigt hatte. Irritiert lauschte er den Worten des Falken, der von der Freiheit erzählte, und wie es ihm damit ergangen war. Nach so manchem Missgeschick schien er froh, wieder in der Falknerei zu sein. Das machte den Adler sehr traurig. Er war verunsichert und beschloss, seine Fluchtpläne noch einmal zu überdenken.

Die Wochen zogen ins Land. Draußen fiel Schnee, die Tage waren kurz und düster. Der Adler träumte von den weiten farbigen Landschaften. Auch wenn die Träume verblassten je länger der Winter andauerte, sie hörten niemals wirklich auf. Als das Frühjahr kam, nahm der Falkner den Adler wieder mit hinaus. Diesmal brachte er ihn in eine völlig neue Gegend mit hohen Bergen und schroffen Felsen. Und zum ersten Mal begegnete der Adler einem wilden Artgenossen. Voller Ehrfurcht bat der Adler darum einige Fragen stellen zu dürfen. Der freie Adler willigte ein, und während die beiden einen majestätischen Kreis über einer tiefen Schlucht zogen, erfuhr der Adler, was es bedeutete frei zu sein. Tief bewegt bedankte er sich bei seinem Artgenossen. Er blickte in die Ferne und erkannte zum ersten Mal, wie weit der Blick seiner scharfen Augen reichte. Er spürte die Luft unter seinen Schwingen, die ihn wie von selbst trug. Er spürte, wie kräftig er war. Und er erinnerte sich daran, wie geschickt er sich beim Jagen anstellte. Er hatte alles, was er brauchte um frei zu sein. Mit dieser Erkenntnis breitete er seine Schwingen aus, überquerte den Gebirgskamm und wurde in seiner Heimat nie wieder gesehen.

In seinen späteren Jahren, wenn er anderen Adlern seine Lebensgeschichte erzählte, erinnerte er sich oft an die Hühner. Und er pflegte zu sagen: "Wenn mich die Hühner damals nicht so gemein behandelt hätten, würde ich vielleicht heute noch mit ihnen im Sand scharren und Körner picken!"

Wenn Sie sich für andere Varianten der Adler-Huhn-Geschichte interessieren, dann klicken Sie sich durch:

  • Das Adler-Ei (Weisheitsgeschichten)
  • Das Huhn und der Adler (www.juwi.ch)
    ohne Quellenangabe, evtl. individuell abgeändert
  • Die Geschichte vom Adler  (www.besser-leben-mit-tinnitus.de)
    Quelle: James Eggrey: Der Adler, der nicht fliegen wollte
  • Der Adler  (Sinndeuter / Geschichten für den Religionsunterricht)
    Quelle: Afrika

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