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Irgendwann
bemerkte der Adler, dass ihn die Hühner schräg ansahen,
und er wunderte sich. Was machte er nur verkehrt? Er bemühte
sich sehr, ein gutes Huhn zu sein, doch wenn er gackerte, klang
es immer heiser. Seine Flügel waren unnatürlich groß,
sein Körper unnatürlich klein und sein Schnabel schrecklich
krumm. Die anderen Küken, die ihren Müttern immer ähnlicher
wurden, machten sich über ihn lustig. "Du bist keiner
von uns!" riefen sie, pickten nach ihm und so sehr er sich
auch bemühte, er durfte nicht mehr mit ihnen spielen.
Betrübt
hockte der Adler in einer Ecke des Hühnerstalls und ließ
den Kopf hängen. Er fühlte sich einsam, häßlich
und ausgesprochen nutzlos. Er fing an, die Hühner, die ihn
so schlecht behandelten, zu hassen. Schließlich wurde er sehr
krank. Das rief den Bauern auf den Plan. Auch er hatte inzwischen
erkannt, dass mit diesem Vogel irgendetwas anders war. Er ließ
einen Vogelkundigen kommen, der erfreut in die Hände klatschte
und rief: "Bauer, du hast einen Adler in deinem Hühnerstall.
Sei froh, dass er deine Hennen noch nicht gefressen hat. Gib ihn
mir nur, und du sollst reich dafür belohnt werden!"
So
verkaufte der Bauer den Adler an den Vogelkundigen, der eine große
Falknerei hatte. Erstaunt lernte der Adler, dass es außer
Hühnern auch noch andere Vögel gab, und dass er nicht
nach Würmern und Körnern picken musste, von denen er ohnehin
nie satt geworden war. Er erschrak zutiefst, als ihm der Falkner
ein totes Küken anbot. Zuerst weigerte sich der Adler es zu
fressen. Doch weil er nichts anderes bekam, und die Vögel in
den anderen Käfigen auch keine Hemmungen hatten, Küken
zu fressen, fügte sich der Adler in sein neues Schicksal.
Rasch
wurde er kräftiger und seine Ausbildung begann. Der Adler war
klug und sehr gelehrig. Schon bald lernte er fliegen und jagen und
der Falkner gewann viele Preise mit ihm. Trotzdem fühlte sich
der Adler einsam. In der ganzen Falknerei war niemand seinesgleichen,
mit dem er hätte sprechen können. Der einzige Sinn seines
Daseins war zu tun, was ihm der Falkner beigebracht hatte. Nach
jedem Jagderfolg bekam der Adler einen Leckerbissen, doch dann wurden
ihm auch schon die Augen verbunden, und man sperrte ihn wieder in
den Käfig.
Wenn
der Adler nachts schlief, träumte er oft von den Landschaften,
die er während seiner Jagdausflüge gesehen hatte. Mehr
als einmal war er versucht gewesen, einfach weiter zu fliegen und
heraus zu finden, was das für eine Welt war, die er von oben
sah. Doch er hatte immer seine Aufgabe erfüllt und war zum
Falkner zurück gekehrt, der ihm seine Treue und Pflichterfüllung
mit Nahrung und Pflege vergalt. Dennoch belauschte der Adler aufmerksam
die Unterhaltungen der Falken im Nachbarkäfig. Sie hatten ähnliche
Gedanken wie er. Und tatsächlich: eines Tages kehrte einer
dieser Falken nicht von der Jagd zurück. Die Aufregung in der
Falknerei war groß. Auch der Adler war sehr aufgeregt. Viele
Spekulationen wurden angestellt und niemand wußte, ob der
Falke nun in Freiheit lebte oder gar sein Leben verloren hatte.
So lernte der Adler, dass das, was man als Freiheit bezeichnete,
wohl auch gefährlich sein mußte. Dennoch fühlte
er einen unbändigen Drang danach, selbst diese Freiheit einmal
zu spüren. Er faßte den Plan, die nächste Jagd zur
Flucht zu nutzen.
Er
war hin- und hergerissen vor Aufregung und Bedenken. Er empfand
Schuldgefühle gegenüber dem Falkner, der ihm Nahrung und
sichere Unterkunft bot. Doch der Wunsch frei zu sein stand über
allem. Seine Entscheidung war gefallen.
Der
darauf folgende Tag brachte jedoch eine Überraschung: der Falke
war wieder da. Jemand hatte ihn aufgelesen und zurück gebracht.
Der Adler erkannte nun die Bedeutung des Ringes, den man an seinem
Bein befestigt hatte. Irritiert lauschte er den Worten des Falken,
der von der Freiheit erzählte, und wie es ihm damit ergangen
war. Nach so manchem Missgeschick schien er froh, wieder in der
Falknerei zu sein. Das machte den Adler sehr traurig. Er war verunsichert
und beschloss, seine Fluchtpläne noch einmal zu überdenken.
Die
Wochen zogen ins Land. Draußen fiel Schnee, die Tage waren
kurz und düster. Der Adler träumte von den weiten farbigen
Landschaften. Auch wenn die Träume verblassten je länger
der Winter andauerte, sie hörten niemals wirklich auf. Als
das Frühjahr kam, nahm der Falkner den Adler wieder mit hinaus.
Diesmal brachte er ihn in eine völlig neue Gegend mit hohen
Bergen und schroffen Felsen. Und zum ersten Mal begegnete der Adler
einem wilden Artgenossen. Voller Ehrfurcht bat der Adler darum einige
Fragen stellen zu dürfen. Der freie Adler willigte ein, und
während die beiden einen majestätischen Kreis über
einer tiefen Schlucht zogen, erfuhr der Adler, was es bedeutete
frei zu sein. Tief bewegt bedankte er sich bei seinem Artgenossen.
Er blickte in die Ferne und erkannte zum ersten Mal, wie weit der
Blick seiner scharfen Augen reichte. Er spürte die Luft unter
seinen Schwingen, die ihn wie von selbst trug. Er spürte, wie
kräftig er war. Und er erinnerte sich daran, wie geschickt
er sich beim Jagen anstellte. Er hatte alles, was er brauchte um
frei zu sein. Mit dieser Erkenntnis breitete er seine Schwingen
aus, überquerte den Gebirgskamm und wurde in seiner Heimat
nie wieder gesehen.
In
seinen späteren Jahren, wenn er anderen Adlern seine Lebensgeschichte
erzählte, erinnerte er sich oft an die Hühner. Und er
pflegte zu sagen: "Wenn mich die Hühner damals nicht so
gemein behandelt hätten, würde ich vielleicht heute noch
mit ihnen im Sand scharren und Körner picken!"
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