| Ein Traum?
Eines
Morgens erwachte ich und stellte fest, daß der Wecker nicht geläutet
hatte. Ich taumelte hoch und rannte los. Nicht wie sonst, zur Arbeit
- nein, ich rannte zum Bahnhof. Die Türen der mir so vertrauten
Wohnung schlug ich hastig hinter mir zu und erreichte den Zug gerade
noch, bevor er abfuhr. Ich ließ mich auf einen Fensterplatz fallen,
betäubt, und irgendwie noch ganz wirr im Kopf, und als ich hinaussah,
rauschten bizarre Landschaften an mir vorbei. Die halbe Welt schien
in Wasser versunken zu sein. Ein eisblauer Himmel verwandelte Felder
in silberglänzende Spiegel, aus denen kahle Bäume emporwuchsen,
und ihre Äste beschwörend gen Himmel reckten, als wollten sie der
Sintflut Einhalt gebieten. Bäche waren zu Flüssen angeschwollen
und manchmal schien sich der Zug mitten durch ihre braungrauen Fluten
zu pflügen. Dann erlosch das Licht, der Zug tauchte in einen nicht
enden wollenden Tunnel, und als am anderen Ende wieder Licht zu
sehen war, fragte ich mich, ob es der Widerschein des Fegefeuers
sein konnte.
Der
Himmel war erblaßt, als mich der Zug ausspuckte, ein anderer mich
vor Kälte zitternde Gestalt aufnahm, und erneut an anderer Stelle
fallenließ. Ruhig war es auf einmal geworden. Die hektische Betriebsamkeit
blieb wie hinter einer Schranke zurück, als ich auf den anderen
Bahnsteig hinüberwechselte. Ein rumpelnder Zug, wie aus einer anderen
Zeit, schüttelte die wenigen verbliebenen Fahrgäste quietschend
und ächzend durch sanfte Hügellandschaften, aus denen sich gelegentlich
eine Burg oder ein Schloß erhob. Ich glaubte schon, irgendwo in
der Vergangenheit gelandet zu sein, als mich die Gegenwart wieder
einholte. Ich war angekommen.
In
nichts schien sich der riesige, eckige Kasten von den Gebäuden zu
unterscheiden, die ich zur Genüge kannte. Kleine, hasenstallgroße
Verschläge darin, ein Labyrinth grell beleuchteter Gänge, denen
ein sonderbarer Geruch anhaftete, und überall Menschen in bunter
Ballonseide mit gelben Büchern in den Händen, die geschäftig herumliefen.
"Wo bin ich?" dachte ich, wagte aber nicht, die Frage laut zu stellen,
denn irgendwie wußte ich, tief in mir drinnen, daß ich selbst hierher
gewollt hatte.
Ich
begegnete vielen wichtigen und weniger wichtigen Persönlichkeiten,
manche davon trugen weiße Kleidung und wirkten sehr ernst. Sie sahen
mich an und machten viele Notizen, ich erzählte ihnen etwas, sie
erzählten mir etwas, und dann bekam ich auch so ein gelbes Buch.
Und von diesem Moment an begann auch ich, geschäftig herumzulaufen.
Zuerst dachte ich, ich würde es niemals schaffen. Ich verlief mich
ständig im Labyrinth der Gänge, rang nach Luft, wann immer ich an
der "Badeabteilung" vorbeilief, und während die Alteingesessenen
jeden Abend nach "Downtown" gingen, fiel ich erschöpft ins Bett,
bis mich das quäkende Dräääääh des Telefons aus dem ersten Schlaf
riß. Schweißgebadet und völlig verwirrt mußte ich mir fremdartig
anmutende Geschichten von zu Hause anhören, und wenn ich die Worte"Inhalieren",
"Dezimeter" oder "Ergometer" stammelte, fragte man mich, ob ich
chinesisch spreche.
Nacht
für Nacht tauchte ich in eine Welt, die mir noch fremder vorkam,
als die, in der ich mich gerade aufhielt. Pferde galoppierten durch
meine Träume, und Mauern von Häusern stürzten über mir zusammen.
Die quälenden "Dräääähs" um kurz vor zehn wurden seltener, und in
einer ruhigen Minute schickte ich ein Signal an meinen daheim gebliebenen
Anrufbeantworter, und befahl ihm, für den Rest meiner Abwesenheit
zu schweigen. Wenn mich jemand anrief und mir von "zu Hause" erzählte,
reagierte ich befremdet. Ich betrachtete die Wände meines Zimmerchens
und fragte mich, wo "zu Hause" überhaupt sei. Von da an widmete
ich jede freie Minute einsamen Waldspaziergängen, begleitet nur
von einem Fotoapparat, der mir bei meinen Begegnungen mit Waldgeistern
und Trollen beistehen sollte.
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Der immergraue Februarhimmel über mir änderte normalerweise nur
gegen 18.00 Uhr seine Farbe, indem er von Tiefgrau ins Schwarze
überwechselte. Die fieberhaften Kreativitätsschübe, die mich immer
häufiger befielen, verlangten nach einer Maßnahme. Mehrmals in der
Woche zog es mich in einen kargen Raum mit großen Tischen, wo Menschen
über große Rahmen gebeugt standen und lautlos mit Pinseln bunte
Farbe auf weiße Tücher träufelten. Viele waren kaum ansprechbar,
vertieft in diese rätselhafte Tätigkeit. Sie waren, wie ich, dem
Fieber verfallen. Es schien ansteckend zu sein, denn jeder wollte
mittun. Ich aber ließ mir einen Klumpen Lehm reichen. Wie lange
hatte ich darauf gewartet, ein wehrloses Stück Ton zwanzigmal mit
voller Wucht auf eine Tischkante zu knallen! Zu meinem Erstaunen
ging es aber nicht kaputt - es wurde geschmeidig. Und als ich irritiert
daran herumzupfte, bekam es Beine, einen Kopf, Ohren - und einen
Schweif. Ich betrachtete es nachdenklich und kam zu dem Schluß,
daß ich alles nur träumte. Diese sonder-bare Welt, in der ich mich
befand, konnte nur eine Illusion sein. Nur in einem Traum wachsen
Bäume aus Spiegeln, nur im Traum laufen Menschen nach dem Rhythmus
eines gelben Buches wochenlang treppauf-treppab, nur im Traum bekommt
man dreimal am Tag das Essen hingestellt, ohne einen Finger dafür
krummzumachen - und nur im Traum wächst ein pferdeartiges Wesen
aus einem unförmigen, geschlagenen Lehmklumpen.
Ich
fand mich also damit ab, in einen Traum geraten zu sein, und ich
beschloß, ihn zu genießen. Irgendetwas sagte mir, daß jeder Traum
zu Ende geht, und diese Erkenntnis machte den Traum gelegentlich
zum Alptraum. Die Tage verronnen. Mein pferdeartiges Wesen verwandelte
sich in ein Zebra, und eines Tages fand ich mich dabei, wie ich
es sorgfältig in Zeitungspapier einwickelte. Ich wußte, daß wir
eine Reise machen würden.
Als
ich erwachte, fand ich mich erschöpft und zerschlagen in meinem
eigenen Bett. Die Wohnung hatte 55 Quadratmeter, nicht 10 oder 12
- die Wände blau, nicht beige. Meine Katzen umkreisten mich mit
hungrigen Blicken. Der Wecker piepste hysterisch wie eh und je -
und ich hatte einen grauenhaften Alptraum gehabt. Unter der Last
der Papierberge war ich im Büro zusammengebrochen und der Computer
hatte sein Diskettenlaufwerk zu einem breiten Grinsen verzogen,
bevor er seinen Geist endgültig aufgegeben hatte. Die Zahl der Überstunden
auf meinem Stundenkonto erreichte schwindelnde Höhen, und mein zaghafter
Versuch, auf Freizeitausgleich zu plädieren ging unter im Gezeter
von Chef und Kollegen wieso denn dies und das nicht funktioniere
und wie lange es denn noch dauere.. und es sei doch alles so überaus
eilig, ich müsse schon verstehen...
Ich
erhob mich ächzend und rieb mir die Augen. Irritiert starrte ich
den Kalender an. Er zeigte den 3. April. Ich konnte mich um alles
in der Welt nicht erinnern, seit dem 1. Februar ein Blatt abgerissen
zu haben. Was war passiert? Hatte ich zwei ganze Monate verschlafen?
Nicht ohne meinen Katern das Frühstück serviert zu haben, schlurfte
ich ins Bad. Mein Blick fiel auf das Zebra, das, ein bißchen eingestaubt,
auf der Lampenkonsole stand. Ich hob es auf und betrachtete es von
allen Seiten. Es war tatsächlich da. Ich zwickte mich vorsichtig
in den Arm, um festzustellen, ob ich auch wirklich da war - und
ich wußte auf einmal, daß ich nicht geträumt hatte. Und ich wußte
noch etwas: es war höchste Zeit, aufzuwachen!!!
(c)
JE, 1995 - Kurzgeschichten, die das Leben schrieb
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