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Der Hamster Erwin    
Erwin war kein ganz gewöhnlicher Hamster. Er lebte in einer großen Zoohandlung, die ihn behielt, weil er so possierlich war, und viele Kunden anlockte. So hatte Erwin schon einige Wochen mehr auf dem Buckel und verbrachte viel Zeit damit, über verschiedene Fragen des Lebens zu philosophieren. Manchmal fand er in benachbarten Käfigen Kaninchen, Meerschweinchen oder Ratten, die bereit waren, seine illustren Themen mit ihm zu erörtern.. Noch lieber hatte er jedoch die Papageien, Schildkröten und Reptilien. Meistens war es nicht möglich, bis zum Kern der Sache vorzudringen, denn die Gesprächspartner wurden zu schnell verkauft. Erwin war dann stets deprimiert, weil er wohl dazu verdammt war, den Rest seines Lebens am selben Ort fristen zu müssen, ohne jemals erfahren zu dürfen, wie die Welt jenseits des Käfigs und der Zoohandlung wohl aussehen mochte.  
     

Auch heute wanderte Erwins Blick ruhelos durch den Käfig. Da waren das fein herausgeputzte Schlafhäuschen mit der weichen Wattefüllung und all den Vorräten, die Tränke, die die zweibeinigen Wesen immer nachfüllten, der Futternapf, der sich wie von allein füllte, die Einstreu, die regelmässig erneuert wurde, und einige junge Hamsterinnen. Wahrlich, Erwin hatte keinen Grund sich zu beklagen. Doch, da war dieses nagende Gefühl der Unzufriedenheit, das sich vorübergehend abstellen ließ, aber doch regelmäßig wieder kam. Erwin erhob sich, um die Gitterstäbe seines Käfigs zu überprüfen. Es war nicht das erste Mal. Ja - sie boten ihm Schutz. Und doch gab es da diese Welt jenseits des Käfigs, die er nur aus den Erzählungen der anderen Tiere kannte. Er war es leid, tagaus tagein im Laufrad seine Runden zu drehen und doch niemals wirklich von der Stelle zu kommen.

"Du willst hinaus?" hörte er eine Stimme aus dem Dunklen.
"Wer spricht da?"
Aus der Dunkelheit hinter dem Käfig trat eine weiße Ratte mit leuchtend roten Augen hervor. Sie bewegte sich frei in der Zoohandlung! Erwin wich ängstlich zurück. Die Ratte war bestimmt fünfmal so groß wie er.
"Raszafani ist mein Name. Ich beobachte dich schon eine ganze Weile und bin gekommen, um dir zu helfen."
Erwin duckte sich zitternd auf den Boden seines Käfigs.
"Wohl eher um mich zu fressen!" mutmaßte er.
"Natürlich", Raszafani musterte Erwin mit einem höhnischen Seitenblick, während er mit den messerscharfen Krallen seiner rechten Vorderpfote spielte, "es war klar, dass du so etwas denken würdest. In Wirklichkeit bin ich ein Engel, ich sehe nur anders aus als du es dir erwartet hast." Mit einem fast unmerklichen Griff öffnete Raszafani Erwins Käfigtür.
"Du kannst hinaus. Du bist frei. Du musst nicht länger in diesem Käfig sitzen und dir im Laufrad dein Futter verdienen. Geh - wo immer du hin willst."
Raszafani kehrte Erwin den Rücken, und der Hamster fragte sich, ob das denn wohl ein Trick sei, um ihn in sein Verderben zu locken.
"Aber ich weiß doch gar nicht, wohin ich gehen soll!" rief er klagend. "Und ausserdem - wer weiss, was mir da draussen alles passieren kann!?"
"Na gut. Wie du willst. Dann denk noch ein bißchen darüber nach."
Raszafani schlug die Käfigtür wieder zu. "In einer Woche komme ich wieder. Dann wirst du wieder eine Gelegenheit haben, den Käfig zu verlassen. Überleg dir gut, wohin du gehen könntest. Und finde heraus, welche Gefahren dir begegnen können. Und dann entscheide dich, ob du im Käfig bleiben möchtest, oder da hin gehst - wo du all das erfahren kannst, was du immer schon wissen wolltest."

Erwin blieb zitternd zurück. Dies war der aufregendste Tag in seinem ganzen Leben! Er wußte überhaupt nicht, was er denken sollte - heiße und kalte Schauer liefen abwechselnd seinen Rücken hinunter. Er lief hektisch zwischen den Gitterstäben auf und ab. Der Käfig erschien ihm nun noch kleiner als zuvor. Er löcherte alle Tiere, in deren Reichweite er kam, mit Fragen. Doch je mehr Zeit verstrich, desto mehr gewannen Bequemlichkeit und Ängstlichkeit Oberhand. Wie sollte er nur die ganzen Vorräte mitnehmen? Wie lange würden sie wohl reichen? Wo sollte er schlafen, wenn nicht in seinem warmen, molligen Wattehaus? Und wenn er erst an die vielen Gefahren dachte, von denen ihm die anderen Tiere berichtet hatten!
Die Woche war endlos und doch viel zu schnell vorüber. In den späten Abendstunden des Sonnabends, bald nachdem die Zoohandlung geschlossen hatte, hörte Erwin Raszafanis Schritte.
"Nun? Wirst du den Käfig verlassen?"
Erwin hockte vor der offenen Käfigtür und senkte betreten den Kopf.
"Nein, Raszafani. Ich habe Angst. Ich glaube, ich habe es hier in meinem Käfig viel besser. Es fehlt mir an nichts - und die Geschichten von der Welt da draußen sind spannend genug, wenn man sie mir erzählt. Wahrscheinlich ist der Ruf der großen weiten Welt, nach der ich mich zu sehnen meine, ein Trugbild, eine Illusion."
"Vielleicht ist ja dieser Käfig hier, in dem du sitzt und dich so sicher fühlst, die eigentliche Illusion", gab Raszafani zu bedenken.
"Nein, ich bin sicher, dass mein Traum von der großen weiten Welt eine Illusion ist. Ich bleibe hier!"
"Wie du möchtest." Raszafani machte kehrt und verschwand in der Dunkelheit. Zu Erwins Entsetzen ließ er die Käfigtür offen stehen. Wie hypnotisiert starrte der Hamster auf den freien Durchgang. Stunden vergingen, die ganze Nacht, der ganze Sonntag. In der Morgendämmerung steckte Erwin vorsichtig die Nase über die Schwelle, doch genau in diesem Augenblick übermannte ihn der Hunger. Er schleppte sich in sein Wattehaus zurück, um sich zu stärken, und fiel in einen erschöpften Schlaf. Während es hell wurde, und das Zoogeschäft öffnete, träumte Erwin von Schildkröten, die durch tiefblaue Ozeane schwammen, von bunten Papageien, die durch den Urwald flogen und von Geckos, die in fernen Ländern das Tun der Zweibeiner von der Zimmerdecke aus beobachteten...

Als er schließlich schlaftrunken aus dem Wattehaus wankte, um seinen Durst zu stillen, hörte er die Stimme einer neuen Verkäuferin, die sagte: "Ja, den können Sie auch haben. Der ist aber schon etwas älter."
"Macht nichts", antwortete der Kunde, "der ist genau richtig."
Noch bevor Erwin einen Schluck trinken konnte, wurde er in eine enge, finstere Schachtel gesteckt. Er konnte nur noch warten. Sein kleines Herz pumperte in großer Aufregung. Sollten seine Träume jetzt doch noch wahr werden?
Die Schachtel erwies sich als äußerst unbequem. Nichts, worin man sich hinein kuscheln konnte und kalt wurde es außerdem. Es folgten ein entsetzliches Dröhnen und Vibrieren, das Erwin regelrecht seekrank machte, bis die Schachtel schließlich zur Ruhe kam. Erwartungsfroh lugte Erwin zum Deckel, der sich unerträglich lange nicht öffnete. Die Stille im Raum war irritierend. Schließlich kam das zweibeinige Wesen zurück, um Erwin aus seinem Verlies zu befreien. Doch was musste er sehen? Anstelle des Hamsterkäfigs, den Erwin erwartet hatte, öffnete das zweibeinige Wesen eine Art Glasvitrine. Es waren nicht nur Erwins Nackenhaare, die sich zu Berge stellten. Er starrte in die Augen einer großen Schlange, die offensichtlich schon auf ihn gewartet hatte.

Nun, liebe Leser... Sie können die Geschichte weiter spinnen. Was kann Erwin jetzt tun, um seinem drohenden Schicksal zu entgehen? Schicken Sie Ihre Fortsetzung der Story !

  • So endet die Geschichte bei Sophie

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