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Auch
heute wanderte Erwins Blick ruhelos durch den Käfig. Da waren
das fein herausgeputzte Schlafhäuschen mit der weichen Wattefüllung
und all den Vorräten, die Tränke, die die zweibeinigen
Wesen immer nachfüllten, der Futternapf, der sich wie von allein
füllte, die Einstreu, die regelmässig erneuert wurde,
und einige junge Hamsterinnen. Wahrlich, Erwin hatte keinen Grund
sich zu beklagen. Doch, da war dieses nagende Gefühl der Unzufriedenheit,
das sich vorübergehend abstellen ließ, aber doch regelmäßig
wieder kam. Erwin erhob sich, um die Gitterstäbe seines Käfigs
zu überprüfen. Es war nicht das erste Mal. Ja - sie boten
ihm Schutz. Und doch gab es da diese Welt jenseits des Käfigs,
die er nur aus den Erzählungen der anderen Tiere kannte. Er
war es leid, tagaus tagein im Laufrad seine Runden zu drehen und
doch niemals wirklich von der Stelle zu kommen.
"Du
willst hinaus?" hörte er eine Stimme aus dem Dunklen.
"Wer spricht da?"
Aus der Dunkelheit hinter dem Käfig trat eine weiße Ratte
mit leuchtend roten Augen hervor. Sie bewegte sich frei in der Zoohandlung!
Erwin wich ängstlich zurück. Die Ratte war bestimmt fünfmal
so groß wie er.
"Raszafani ist mein Name. Ich beobachte dich schon eine ganze
Weile und bin gekommen, um dir zu helfen."
Erwin duckte sich zitternd auf den Boden seines Käfigs.
"Wohl eher um mich zu fressen!" mutmaßte er.
"Natürlich", Raszafani musterte Erwin mit einem höhnischen
Seitenblick, während er mit den messerscharfen Krallen seiner
rechten Vorderpfote spielte, "es war klar, dass du so etwas
denken würdest. In Wirklichkeit bin ich ein Engel, ich sehe
nur anders aus als du es dir erwartet hast." Mit einem fast
unmerklichen Griff öffnete Raszafani Erwins Käfigtür.
"Du kannst hinaus. Du bist frei. Du musst nicht länger
in diesem Käfig sitzen und dir im Laufrad dein Futter verdienen.
Geh - wo immer du hin willst."
Raszafani kehrte Erwin den Rücken, und der Hamster fragte sich,
ob das denn wohl ein Trick sei, um ihn in sein Verderben zu locken.
"Aber ich weiß doch gar nicht, wohin ich gehen soll!"
rief er klagend. "Und ausserdem - wer weiss, was mir da draussen
alles passieren kann!?"
"Na gut. Wie du willst. Dann denk noch ein bißchen darüber
nach."
Raszafani schlug die Käfigtür wieder zu. "In einer
Woche komme ich wieder. Dann wirst du wieder eine Gelegenheit haben,
den Käfig zu verlassen. Überleg dir gut, wohin du gehen
könntest. Und finde heraus, welche Gefahren dir begegnen können.
Und dann entscheide dich, ob du im Käfig bleiben möchtest,
oder da hin gehst - wo du all das erfahren kannst, was du immer
schon wissen wolltest."
Erwin
blieb zitternd zurück. Dies war der aufregendste Tag in seinem
ganzen Leben! Er wußte überhaupt nicht, was er denken
sollte - heiße und kalte Schauer liefen abwechselnd seinen
Rücken hinunter. Er lief hektisch zwischen den Gitterstäben
auf und ab. Der Käfig erschien ihm nun noch kleiner als zuvor.
Er löcherte alle Tiere, in deren Reichweite er kam, mit Fragen.
Doch je mehr Zeit verstrich, desto mehr gewannen Bequemlichkeit
und Ängstlichkeit Oberhand. Wie sollte er nur die ganzen Vorräte
mitnehmen? Wie lange würden sie wohl reichen? Wo sollte er
schlafen, wenn nicht in seinem warmen, molligen Wattehaus? Und wenn
er erst an die vielen Gefahren dachte, von denen ihm die anderen
Tiere berichtet hatten!
Die Woche war endlos und doch viel zu schnell vorüber. In den
späten Abendstunden des Sonnabends, bald nachdem die Zoohandlung
geschlossen hatte, hörte Erwin Raszafanis Schritte.
"Nun? Wirst du den Käfig verlassen?"
Erwin hockte vor der offenen Käfigtür und senkte betreten
den Kopf.
"Nein, Raszafani. Ich habe Angst. Ich glaube, ich habe es hier
in meinem Käfig viel besser. Es fehlt mir an nichts - und die
Geschichten von der Welt da draußen sind spannend genug, wenn
man sie mir erzählt. Wahrscheinlich ist der Ruf der großen
weiten Welt, nach der ich mich zu sehnen meine, ein Trugbild, eine
Illusion."
"Vielleicht ist ja dieser Käfig hier, in dem du sitzt
und dich so sicher fühlst, die eigentliche Illusion",
gab Raszafani zu bedenken.
"Nein, ich bin sicher, dass mein Traum von der großen
weiten Welt eine Illusion ist. Ich bleibe hier!"
"Wie du möchtest." Raszafani machte kehrt und verschwand
in der Dunkelheit. Zu Erwins Entsetzen ließ er die Käfigtür
offen stehen. Wie hypnotisiert starrte der Hamster auf den freien
Durchgang. Stunden vergingen, die ganze Nacht, der ganze Sonntag.
In der Morgendämmerung steckte Erwin vorsichtig die Nase über
die Schwelle, doch genau in diesem Augenblick übermannte ihn
der Hunger. Er schleppte sich in sein Wattehaus zurück, um
sich zu stärken, und fiel in einen erschöpften Schlaf.
Während es hell wurde, und das Zoogeschäft öffnete,
träumte Erwin von Schildkröten, die durch tiefblaue Ozeane
schwammen, von bunten Papageien, die durch den Urwald flogen und
von Geckos, die in fernen Ländern das Tun der Zweibeiner von
der Zimmerdecke aus beobachteten...
Als
er schließlich schlaftrunken aus dem Wattehaus wankte, um
seinen Durst zu stillen, hörte er die Stimme einer neuen Verkäuferin,
die sagte: "Ja, den können Sie auch haben. Der ist aber
schon etwas älter."
"Macht nichts", antwortete der Kunde, "der ist genau
richtig."
Noch bevor Erwin einen Schluck trinken konnte, wurde er in eine
enge, finstere Schachtel gesteckt. Er konnte nur noch warten. Sein
kleines Herz pumperte in großer Aufregung. Sollten seine Träume
jetzt doch noch wahr werden?
Die Schachtel erwies sich als äußerst unbequem. Nichts,
worin man sich hinein kuscheln konnte und kalt wurde es außerdem.
Es folgten ein entsetzliches Dröhnen und Vibrieren, das Erwin
regelrecht seekrank machte, bis die Schachtel schließlich
zur Ruhe kam. Erwartungsfroh lugte Erwin zum Deckel, der sich unerträglich
lange nicht öffnete. Die Stille im Raum war irritierend. Schließlich
kam das zweibeinige Wesen zurück, um Erwin aus seinem Verlies
zu befreien. Doch was musste er sehen? Anstelle des Hamsterkäfigs,
den Erwin erwartet hatte, öffnete das zweibeinige Wesen eine
Art Glasvitrine. Es waren nicht nur Erwins Nackenhaare, die sich
zu Berge stellten. Er starrte in die Augen einer großen Schlange,
die offensichtlich schon auf ihn gewartet hatte.
Nun,
liebe Leser... Sie können die Geschichte weiter spinnen. Was
kann Erwin jetzt tun, um seinem drohenden Schicksal zu entgehen?
Schicken Sie Ihre Fortsetzung
der Story !
- So
endet die Geschichte bei Sophie
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