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Die Sonnenuhr

Als ich das erste Mal an ihr vorbeikam, fiel sie mir gar nicht auf. Es regnete in Strömen; dicke Tropfen stürzten sich aus einem tiefgrauen Himmel kopfüber auf den Asphalt oder tauchten zu hunderten in die sich ausbreitenden Pfützen. Ich hatte es eilig, wieder ins Trockene zu kommen, und nur einem gelben Ahornblatt, das verloren auf dem Rücken des Regenwasserstroms dahintanzte, gelang es für einen Moment, meine Aufmerksamkeit zu erregen. Es stemmte sich verzweifelt gegen die eisernen Gullistäbe, verlor den Kampf aber in Sekundenschnelle, und als es im finster gurgelnden Schlund verschwand, wußte ich, daß der Herbst begonnen hatte.
Es kamen wieder schönere Tage, solche, an denen man morgens den warmen Pulli aus dem Schrank holt, um sich mittags die Sonne ins Gesicht scheinen zu lassen, und die dicken, bauschigen Wolken am blauen Himmel zu bestaunen.
Eines Nachmittags, als ich nach Hause fuhr, sah ich sie wieder, und erinnerte mich daran, daß ich sie schon einmal gesehen hatte. Ich blickte zu ihr auf und lächelte, weil sie mir gefiel. Und ich versuchte mir vorzustellen, wie sie wohl aussehen mochte, wenn die goldene Oktobersonne ihr ein geradezu himmlisches Leuchten verlieh.

Über Nacht schlug das Wetter um. Fahlgraue Wolken bedeckten den Himmel, Tag um Tag. Es regnete nicht, aber es blieb kalt und grau. Das Laub an den Bäumen verfärbte sich immer mehr, ohne daß die Sonne es in voller Pracht erglühen lassen konnte. So fielen die vergilbten Blätter zu Boden,vertrocknet und schmerzverkrümmt, und als ein einsamer Herbststurm auch noch die letzten Farbflecken von den Ästen riß, war mir klar, daß der Winter begonnen hatte.
Novembernebel lösten den diesig grauen Oktoberhimmel ab, und bald fiel der erste Schnee. Dicke, hellgraue Flocken, zu naß um liegenzubleiben, bestenfalls Schneematsch am Boden, beschlagene Fensterscheiben im Bus, und die Sicht nach draußen genauso trüb, wie die Gesichter der Menschen, die mit mir tagtäglich dieselbe Strecke zur Arbeit und wieder nach Hause fuhren. Niemals hatte ich eine Gelegenheit bekommen, "meine" Sonnenuhr im Glanz der Sonne sehen zu dürfen, obwohl ich Tag für Tag an ihr vorbeikam, sie ansah, und mich jedesmal über die Schönheit freute, mit der sie gearbeitet war.
Ich kannte bald jede Einzelheit an ihr: den langen, dünnen Stab, dessen Schatten auf dem halbkreisförmigen Ziffernblatt wandern sollte, den himmelblauen Rahmen auf der strahlend weißen Fassade, die ehrwürdigen schwarzbraunen Ziffern, und nicht zuletzt die goldenen Linien, die wie die Strahlen der Sonne selbst aussahen, nur daß sie von alleine nicht leuchteten.
Die asymmetrische Form des Ziffernblatts, die mich anfangs irritiert hatte, wurde mir alsbald so vertraut, daß ich beim Anblick normaler Uhren oftmals stutzte.
Auch wenn das Licht niemals reichte, um einen Schatten auf das Ziffernblatt zu werfen, erfüllte es mich immer mit Erleichterung und Genugtuung, an meiner Sonnenuhr vorbeizufahren, sie anzuschauen - einfach zu wissen, daß sie da war.

Die Tage wurden immer kürzer. Sie wurden so kurz, daß ich bei Dunkelheit von zu Hause fortging, und bei Dunkelheit die Arbeit verließ. Selbst jetzt blickte ich manchmal von meiner Buslektüre hoch, nur um mich zu vergewissern, daß es sie noch gab. Und ich wartete auf den Tag, an dem das Licht den Himmel wieder erleuchten würde.

Der Winter schien endlos. Der Februar endlich bescherte uns einige schöne Tage. Das Gebirge schien zum Greifen nahe. Tiefblau erstreckte sich die Alpenkette am Horizont, die Gipfel hoben sich schneebedeckt vom makellos blauen Winterhimmel ab. Ich ging einfach früher aus dem Büro, um den Tag zu genießen. Voller Erwartung bog ich um die Ecke und mein Herz wurde schwer, lag doch die Sonnenuhr schon wieder im Schatten des gegenüberliegenden Gebäudes!
Ich wollte wiederkommen, früher, schon mittags - doch wann immer ich kam, entweder blickte ich in ihr blasses Antlitz, weil der Himmel voller Wolken hing, oder der Schatten des anderen Hauses lag auf ihrem Gesicht. Der dünne, schwarze, schattenlose Stab zeigte auf den Neubau, fast kam es mir vor wie eine Anklage, und ich begann darüber nachzudenken, welchen Sinn eine Sonnenuhr hatte, die von den Strahlen der Sonne nicht erreicht wurde!
Zu irgendeinem Zeitpunkt mußte es anders gewesen sein - wahrscheinlich bevor man den Neubau gegenüber hochgezogen hatte, der mir nun vorkam, wie die Versinnbildlichung menschlicher Kurzsichtigkeit. Natürlich - wer braucht heutzutage noch eine Sonnenuhr? versuchte ich mir einzureden. Heutzutage hat man elektrische, digitale, elektronische und sogar weltraumgesteuerte Funkuhren... Und trotzdem! Das Thema ließ mich nicht mehr los.

Es war längst Frühsommer, und ich hatte die Hoffnung begraben, die Sonnenuhr jemals im Licht betrachten zu können. Trotzdem zog sie mich magisch an. Irgendwie waren wir Freunde geworden.
Eines Morgens las ich einen Artikel über den Maler Dali und betrachtete die zerlaufenen Uhren auf seinen Bildern. Uhren als Symbol der Vergänglichkeit? Nein, ich konnte dem nicht zustimmen. Meine Sonnenuhr war genau das Gegenteil - kein Symbol der Vergänglichkeit, sondern vielmehr ein Symbol der Ewigkeit. Auch wenn unachtsame Menschen ihr "Funktionieren" verhindert hatten, nicht sehen wollten, wie der Schatten auf dem Ziffernblatt seinen Lauf nahm - konnten sie damit verhindern, daß die Erde die Sonne umkreiste, und daß dies auch noch in tausend und abertausenden von Jahren der Fall sein würde?
Meine Augen suchten die Sonnenuhr und als sie sie gefunden hatten, blieb mir der Mund offen stehen. Sie leuchtete und strahlte im Licht der Sonne; das Gold funkelte und sie schien mir regelrecht zuzuzwinkern. Ich lachte und freute mich, weil sie mir in diesem Moment ein Stück der Ewigkeit zum Geschenk gemacht hatte.

(c) JE, 1995 - Kurzgeschichten, die das Leben schrieb

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