| Der Tag, an dem der Staubsauger
Selbstmord beging
Glauben
Sie nicht, Ihnen könnte das nicht auch passieren. Sie leben
so dahin, die Welt scheint in Ordnung. Und dann passiert es. Sie
werden es nicht glauben. Selbst der härteste Staubsauger wird
es Ihnen bestätigen: Irgendwann geht es einfach nicht mehr.
Sie werden sagen: es ist doch alles halb so schlimm. Sie wiegeln
ab, sie beruhigen sich. Sie trinken einen Schluck Kaffee, einen
kleinen Cognac. Aber wenn Sie die Tür zur Besenkammer aufmachen,
dann wissen Sie: es war umsonst. Der Staubsauger wird nicht wieder
lebendig. Und SIE haben ihn auf dem Gewissen.
Mit
dieser Erkenntnis leben ist nicht leicht.
Dienstbeflissen hat er Ihnen jahrelang den Staub geschluckt, in
sich hineingewürgt, den ganzen Dreck, den Sie ihm hingeknallt
haben. Nie hat er sich beklagt. Sie waren ja auch gut zu Ihm. Sie
haben ihn unter Strom gesetzt, und ihm gelegentlich, kurz bevor
er platzte, den Beutel ausgewechselt. JA, Sie haben alles, wirklich
alles getan, um ihren Staubsager lebens- und arbeitsfähig zu
erhalten. Und dann das. Bringt sich der Kerl doch einfach um. Mit
dem Kabel aufgehängt hat er sich, da in der Besenkammer.
Sie werden sagen: egal, was soll's? Ein Staubsauger ist wie der
andere. Kaufen wir uns eben einen neuen.
Aber ganz insgeheim, leise und heimlich, wird der Geist des toten
Staubsaugers über Ihrem Haupt schweben, und Ihnen das Saugrohr
ins Gesicht schlagen, bevor er den Rückwärtsgang einlegt,
und den ganzen Dreck mit einem hämischen Grinsen tief aus seinem
Innersten herausschleudern und über sie verteilen wird.
Und dann, mein Freund, werden Sie sagen: hätte ich mich doch
besser um meinen Staubsauger gekümmert.
(c)
JE, 1995 - Kurzgeschichten, die das Leben schrieb
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