|
Aber
darum geht es wahrlich nicht, wenn sich der "Stellvertreter
Gottes auf Erden" anschickt, zu seinem himmlischen Vater heimzukehren.
Ciao, Johannes Paul, möge deine Seele den immerwährenden
Frieden finden, während täglich Scharen von Gläubigen
an deinen sterblichen Überresten vorbei pilgern...
Das
"öffentliche Sterben" von Johannes Paul II hat Aufsehen
erregt. Viele Menschen wurden durch diesen Mann daran erinnert,
dass alles vergänglich ist - und dass sogar der Papst krank
wird und sterben muss. Oder sollte ich schreiben: sterben darf?
Sicher haben viele, die pflegebedürftige Angehörige zu
Hause haben, ihren ganz eigenen Bezug zu diesem Jahrtausendpapst.
Ich selbst, das muss ich an dieser Stelle wiederholen, bin zwar
formell katholisch getauft, habe aber niemals eine religiöse
Erziehung genossen. Kirchen und ihre Vertreter waren mir immer irgendwie
suspekt, ich erlebte die Riten und Bräuche, die Predigten und
Gebote als starr und altmodisch. Meine Versuche, die Bibel zu lesen
(und zu verstehen) scheiterten regelmäßig. Ich hatte
bereits Probleme mit der Schöpfungsgeschichte und fühlte
mich schon früh bei den Buddhisten und Philosophen erheblich
wohler. So nahm ich als Vierzehnjährige den Papst Johannes
Paul II lediglich einmal erstaunt im Fernsehen wahr - beim Skifahren.
So wie mir muß es vielen ergangen sein. Johannes Paul II galt
als Papst der Jugend. Und gleichzeitig hat er uns vor Augen geführt,
wie das mit dem Altern sein kann. Die Institution Kirche hat an
dieser Stelle allen anderen Arbeitgebern etwas voraus: sie schickt
ihren Top-Manager nicht in den vorzeitigen Ruhestand. Und Johannes
Paul II hat eindrucksvoll gezeigt, was ein alter, kranker Mann auf
dieser Welt noch alles bewegen kann. Nun gut. Er war ja auch der
Papst. Wahrscheinlich ist das was anderes...
So
weit so gut. Der Papst ist tot - es wird einen neuen geben. Und
schon passiert das Unfaßbare: in erstaunlich kurzer Zeit wird
der Nachfolger gewählt. Das mit den Rauchsignalen ist einfach
genial. Und was für eine Spannung, bis endlich die lang ersehnten
Worte fallen: Habemus papam - Wir haben einen Papst. Und der heißt
obendrein noch Ratzinger und ist Deutscher. In München läuten
alle Kirchenglocken. Am nächsten Tag titelt Bild: "Wir
sind Papst". Huch. Die Frauen auch?
Was
folgt sind Aufzeichnungen von Kardinal Ratzinger auf allen Kanälen,
Kommentare, Einschätzungen, Interviews bis zum Abwinken. Besonders
nett fand ich den Kommentar eines Regensburger Passanten, der ins
hingehaltene ZDF-Mikrofon sagte: "Naja, vielleicht wird mit
dem neuen Papst das mit der Verhütung und diesen Dingen jetzt
bald mal ein bißchen lockerer..."
Es
ist schön, dass es Menschen gibt, die an Wunder glauben. Aber
bei allem Zynismus, der durch meine Zeilen hindurch scheinen mag:
ich glaube auch an Wunder. Wenn es Papst Benedikt XVI sein sollte,
der sie vollbringt, habe ich nichts dagegen. Ich halte ihn für
einen sehr klugen Mann, der in seine neue Rolle hinein wächst
und vielleicht Dinge vollbringen wird, die ihm niemand vorher zugetraut
hätte. Das Hoffnungspotential bei vielen Menschen ist groß,
und viele nehmen diese Phase als Anstoß, sich inmitten der
hektischen Betriebsamkeit auch (wieder) an spirituelle Dinge zu
erinnern. Meine Sorge gilt dem christlichen Fundamentalismus, der
über den großen Teich schon eine ganze Weile zu uns herüber
schwappt. Spiritualität und Religion ist nicht unbedingt dasselbe.
Viele verwechseln das. Ich hoffe darauf, dass sich Toleranz und
Offenheit langfristig durchsetzen, und alle religiösen Menschen
ihr Augenmerk auf die Gemeinsamkeiten der Religionen richten - auf
das, was alle Menschen verbindet, egal ob sie einer Gemeinschaft
angehören oder nicht.
Bis
jetzt habe ich (noch) keines der vielen Bücher von Joseph Kardinal
Ratzinger gelesen. Aber anlässlich dieses Kommentars habe ich
mir Gedanken gemacht, welche ich am ehesten lesen würde, wenn
der Stapel neben meinem Bett wieder kleiner wird. Und Sie?
|