| Der Geist von Olympia - August
2004
Ich
gebe zu: ich konnte mich der Faszination der Fernsehbilder aus Athen
nicht entziehen. Nun bin ich wahrlich kein großer Sport-Fan
und die Übertragung von Fußballspielen oder anderen großen
Ereignissen lässt mich normalerweise eher kalt. Doch Olympia,
wenn man mal ein paar Minuten länger spendiert, ist tatsächlich
ein zweiwöchiger Ausnahmezustand.
Die
Spannung und Dramatik so mancher Entscheidung ist nicht zu überbieten.
Falls Sie das Tennis-Doppel um die Goldmedaille oder das Handballspiel
zwischen Spanien und Deutschland live verfolgt haben, wissen Sie,
was ich meine. Am Ende kann nur einer gewinnen. Die Athleten haben
sich vier Jahre lang auf diesen Kampf vorbereitet, eine Stunde,
vielleicht aber auch nur zehn Sekunden, in denen sie alles geben,
um am Ende auf einem Treppchen zu stehen und eine Medaille um den
Hals gehängt zu bekommen. Für einen Moment oder eine Weile
der Beste der Welt zu sein - und in die Geschichte eingehen.
Für
diese Belohnung ackern und rackern Menschen oft von klein auf, ohne
zu wissen, ob sie es jemals schaffen werden. Für jeden Sportler,
der am Ende auf dem Treppchen steht und bejubelt wird, stehen Hunderte
oder Tausende, die es nicht geschafft haben und mittelmässig
geblieben sind. Nicht wenige zerbrechen daran. Und das, obwohl sie
Leistungen vollbringen, von denen "Otto Normalverbraucher"
nur träumen kann. Wieder andere zerbrechen an ihrem Ruhm und
Erfolg - oder fallen am Ende ihrer Karriere in ein tiefes Loch.
Gerade
im Leistungssport wird den Athleten alles abverlangt. Oft mehr als
sie haben. Sie vollbringen schon in jungen Jahren Höchstleistungen
- nicht selten auf Kosten ihrer Gesundheit, selbst ohne Doping.
Leistungssport an sich ist alles andere als gesund. Und wer es bis
zu einer bestimmten Altersgrenze nicht geschafft hat, ist draußen.
Da hört man Fernsehkommentatoren von einem "alten Mann"
sprechen - der Sportler ist gerade mal 35. Wir bewundern die Athleten
- zu Recht, denn sie vollbringen Großartiges. Sie überwinden
sich selbst und ihre Grenzen - aber das hat seinen Preis. Es ist
in manchen Situationen verständlich, dass sich die Zweitplatzierten
nicht über eine Silbermedaille freuen können. Aber schade
ist es trotzdem. Das Motto "Dabei sein ist alles" gilt
für viele längst nicht mehr. Die Erwartungen sind viel
zu hoch.
Was
an Olympia so eindrucksvoll ist, ist diese geballte Ladung an "echten
Gefühlen", an Spontaneität und Authentizität.
In den Momenten der Entscheidung ist nichts Gestelltes und Gespieltes.
Diese Sekundenbruchteile in denen aus dem großen Showbusiness
das Echte und Wahre hindurch scheint, sind es, die Olympia so besonders
machen. Und natürlich die Gesten von Fairness und Sportsgeist,
die wir uns nicht nur bei Olympia wünschen, sondern auch von
den Menschen in unserer nächsten Umgebung. Jeden Tag. An jedem
Ort der Welt.
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