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Die Skirevolte von Königsleiten

von Rainer M. Birkholz

Schorsch manövrierte seinen Dreiachser Doppelstock-Skibus mit traumwandlerischer Sicherheit durch die letzte Kurve vor der Talstation der Larnachkopf-Sesselbahn. Im Radio sang der Tölzer Knabenchor das Lied "Anton aus Tirol" und hinter seinem Rücken machten sich 41 gutgelaunte Skifahrer zum Aussteigen bereit. Nur noch die Ski ausladen, dann ein Cafetscherl trinken, und dann ein Schläfchen in der Sonne - es würde ein schöner Tag werden.
Nichts deutete auf das Inferno hin, dass nur Minuten später über Schorsch hereinbrechen sollte. Pfeifend ging er ans Heck des Busses, um den riesigen Ski-Transport-Kasten zu öffnen, der hier angebracht war. Er wunderte sich ein wenig über gedämpfte "Free"-Rufe, die aus Dutzenden von rauhen Kehlen zu kommen schienen. Als er die Türe des Kastens öffnete, schwoll der Lärm plötzlich an. Schorsch gefror das Blut in den Adern und er traute seinen Augen nicht, als er die Ski, einer wildgewordenen Büffelherde gleich, auf sich zustürzen sah. In letzter Sekunde riss er die Arme hoch, dann wurde er von 41 Paar Ski förmlich überrannt.

Die Busgäste lösten sich als erste von ihrem Schrecken und gruben Schorsch aus. Ihm war nichts Ernsthaftes passiert, doch zitterte er am ganzen Leibe. Es dauerte fast eine Stunde, bis jeder Gast seine Ski und Stöcke in dem Chaos gefunden hatte. Die Stimmung war jetzt nicht mehr ganz so gut bei den Skifahrern, doch es sollte noch schlimmer kommen. Die ersten hatten gerade ihre Skipässe gekauft, und schickten sich an, in die Skibindung zu steigen, doch leider erfolglos: Die Bindungen gingen einfach nicht zu. Es wurde an den Sohlen der Skischuhe gekratzt und mit schon blaugefrorenen Fingern der Schnee an der Bindung entfernt, vergeblich.
Schließlich erbarmten sich einige Liftangestellte und fingen an, die Bindungen zu zerlegen. Eine Stunde später schien das Problem gelöst und sie saßen im Lift, um 200 Schilling Trinkgeld erleichtert.

Am Mittellager erwischte es einige Damen unvermittelt im Sessellift. Ihre farblich perfekt zur Kleidung abgestimmten Rossignol "Lady super soft" Ski schienen jegliche Spannung verloren zu haben. Sie hingen nun, wie zu lange gekochte Spaghetti an den Sohlen ihrer Skischuhe. Um Fassung ringend erreichten sie schließlich schluchzend die Bergstation. Es war nur ein schwacher Trost, als sie vom Schicksal einige Atomic-Fahrer hörten. Bei einigen Fahrern atomisierten sich die Ski während des Fahrens im Tiefschnee. Es sah etwa so aus wie die Mosaik-Überblendtechnik, die man von einigen Video-Kameras kennt. Die Ski flimmerten kurz, dann waren sie weg und der Skifahrer stand fluchend bis zum Hals mitten im Tiefschnee. Auch die Fahrer der "White body"-Modelle mit den breiten Schaufeln hatten keinen Grund zur Freude, als sie plötzlich ein Breitenwachstum der Ski bemerkten. Im Nu hatten sie die Breite von Wasserski erreicht und das Wachstum nahm kein Ende. Ganz andere Probleme hatten die Fahrer der "beta ride 9-22" Modelle. Der Schwungradius ihrer Ski hatte sein von 9m 22cm auf 9,22 Zoll verringert. An Schwingen war nicht mehr zu denken und der Fahrstil erinnerte eher an die wilde Flucht eines hakenschlagenden Osterhasens.

Als sich schließlich einige Skifahrer entnervt in die Fußalm zurückziehen wollten, gab es die nächsten Probleme: Einige Bindungen ließen sich einfach nicht mehr öffnen. Da es nun schon später Nachmittag war, wurde es auch noch empfindlich kalt. Mit leichten Erfrierungen wurden einzelne Skifahrer mitsamt ihrer angeschnallten Ski in die Gaststube getragen. Dem Hüttenwirt blieb schließlich nichts anderes übrig, als die Ski mit Hilfe einer Flex-Trennschleifmaschine vor und hinter der Bindung abzuschneiden.
Von draussen hörte man wieder diese "Free"-Rufe, doch diesmal lauter und zorniger. Es gab keinen Zweifel - es waren die Ski!

Das österreichische Bundesheer sperrte auf Weisung des Innenministeriums sämtliche Zugänge des Gerlostals. Spezialeinheiten der Polizei wurden zur Niederschlagung der Skirevolte in Marsch gesetzt. CNN verbreitete erste Meldungen in den 19 Uhr Nachrichten, worauf der Kurs der Ski-Aktien ins Bodenlose stürzte. Kurze Zeit später wurden auch Ski-Bekleidungs-Aktien sowie Neckermann- und TUI Aktien mit dem Sog nach unten gerissen. Ein Innsbrucker Zahnarzt hatte schließlich die rettende Idee: Seinem Vorschlag folgend wurde das ganze Tal unter Lachgas gesetzt, dass von Hubschraubern abgelassen wurde. Stunden später ergaben sich die Ski, vom vielen Lachen erschöpft, den Sicherheitskräften. Der Anführer der Revolte, ein gewisser "Kneissel" wurde verhaftet. Bald darauf wurde er wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung sowie Landfriedensbruchs zu 12 Jahren schweren Kerkers verurteilt. Heute ist wieder Ruhe eingekehrt im Gerlostal. Hochmoderne Abhöranlagen an der Zufahrtsstraße registrieren bereits aus 500 m Entfernung leisteste "Free"-Rufe und alarmieren automatisch die Sicherheitskräfte, welche die den Frieden störenden Ski rigoros aus dem Verkehr ziehen.

 
Der Autor Rainer Birkholz würde sich freuen, wenn Sie auf http://www.fanconi.de/ vorbeischauen. Fanconi Anämie ist eine Krankheit, an der die beiden Kinder gestorben sind, für die Rainers "Schmunzelgeschichten" ursprünglich erfunden wurden. Die Organisation wird v.a. durch Spenden finanziert. Auch ein Feedback zu seinen Geschichten ist immer erwünscht.
 
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