| Willi - Die wahre Geschichte
von
Rainer Birkholz
Es
war kurz nach Mitternacht, als sich das Inferno durch ein fernes
Rauschen ankündigte, das immer lauter und immer bedrohlicher wurde.
Es schwoll an, donnernd, zwei Augen durchbohrten die Dunkelheit,
ein schriller Pfiff ließ Mensch und Tier erzittern. Dann, plötzlich,
veränderte sich der Lärm zu einem Kreischen und Quietschen und verstummte
dann so plötzlich, wie er gekommen war. Der Zug aus Miesbach hatte
seinen Bestimmungsbahnhof München erreicht.
Die
letzten Reisenden verließen eilig ihre Abteile und es kehrte Stille
ein. Nur ein leises Schnarchen, kaum hörbar, drang aus einem leeren
Abteil in der ersten Klasse. Doch ganz leer war es nicht: Alois
hieß der Schnarcher der es sich im Kernhaus eines Cox Orange Apfelbutzens
bequem gemacht hatte. Er war in Feierlaune und schätzte den ausgezeichneten
Transportdienst zur Disko "Blauer Sack", der hier am Münchner Bahnhof
geboten wurde. Von Ferne hörte man auch schon Geräusch, das
entstand, wenn die orange gekleideten Service Mitarbeiter die Aschenbecher
öffneten und den Inhalt in den blauen Disco Müllsack beförderten.
Alois liebte diesen Moment, wenn er im freien Fall, quasi schwerelos,
in die dunkle Tiefe des Sacks fiel. Der Aufprall war meist mäßig
heftig, es holperte ein wenig und dann konnte man auch schon das
Schwatzen und Kichern der früher Angekommenen hören. Der Sack wurde
von Hunderten von Glühwürmchen illuminiert, und nun konnte Alois,
der sein Kernhaus verlassen hatte, die anderen Gäste erkennen: Einige
Regenwürmer hingen lässig über dem Tresen der Bar und versuchten,
das Interesse der hübschesten Mädchen zu erwecken. Als Alois sich
umblickte, entdeckte er im hinteren Teil ein ganzes Nest von jungen
Mädchen, die sich über eine Scheibe Salami hergemacht hatten. Ältere
Mädchen (Maden) kamen höchst selten hierher, ihnen war es hier einfach
zu hektisch und zu laut.
"Los quattros wurmos", eine spanische Band, rockte unvermittelt
auf dem Deckel einer Sardinenbüchse los. Die Würmer stürzten sich
auf die Mädchen und im Nu tanzte der ganze Müllsack. Auch einige
Raupen, die bis Mittags noch die Pisten in Königsleiten gewalzt
hatten, waren mit dem Zug aus Jenbach in den "Blauen Sack" gekommen.
Hier war einfach am meisten los. Das fand auch Willi, der extra
aus Südtirol angereist war. Er hatte die etwas seltsame Angewohnheit,
nur in schon leicht angegorenen Birnen zu reisen und sprach dem
beim Gärvorgang entstehenden Alkohol kräftig zu. Meist war er schon
bei der Ankunft blau, was ihn schon mehrfach in ernste Schwierigkeiten
gebracht hatte. Auch heute musterten ihn die Tatzelwürmer, die wie
immer den Ordnungsdienst versahen. Es war fast drei Uhr am Morgen,
als der Sack noch einmal geöffnet wurde, und mehrere Dutzend Dutzend
Lindwürmer auf ihren Lindenblättern in den Sack schwebten. Sie waren
in München so häufig anzutreffen, dass der Magistrat eine Prachtstraße
nach ihnen benannt hatte.
Die Mädchen, vom vielen Tanzen müde geworden, lagen nun in den ruhigen
Ecken des Sackes und sahen aus wie Puppen. Alois wusste aus Erfahrung,
dass sie, kaum dass die Sonne am Himmel stand, ihre Hüllen verlassen
würden und in surrenden Schwärmen blau beflügelt den Sack verlassen
würden. Er hatte noch nie begriffen, wie die Mädchen das machten.
Auch die Raupen hatten hatten sich nun in ihre Schlafsäcke zurückgezogen.
Sie würden bei gutem Wetter, kaum als Raupen wieder zu erkennen,
mit ihren farbenprächtigen Hängegleitern den Rückzug antreten. Genießer,
wie sie es waren, machten sie dabei auf jeder Blume Halt. Alois
und Willi hatten den ganzen Abend albern vor sich hingesponnen sich
von den Mädchen umgarnen und einwickeln lassen. Bewegungsunfähig
lagen sie nun nebeneinander und hofften auf Hilfe. Wenigstens würden
sie nicht verdursten, denn aus einer umgefallenen Büchse "Red Bull"
tropfte ein Rest des Getränkes.
Als es wärmer wurde, zwickte und zwackte es die beiden fürchterlich
in ihrer warmen Hülle und sie krümmten sich und zappelten, bis die
Hüllen zersprangen. Willi starrte Alois ungläubig aus weit aufgerissenen
Augen an und wusste nicht, ob er halluzinierte, oder ob das, was
er auf Aloisens Rücken sah, wirklich Flügel waren. Und auch auf
seinem Rücken waren Flügel gewachsen. Es stimmte also doch, was
die Werbung versprach. Schließlich verabschiedeten sie sich voneinander,
Alois flog von Apfelbaum zu Apfelbaum zurück nach Miesbach. Willi
hingegen bevorzugte Birnbäume. Doch auf dem Rückweg ereilte ihn
in Bozen ein tragisches Schicksal: er fiel in eine offene Flasche
Brennspiritus und ertrank. Ein Kirchendiener, der damit die Fenster
putzte, wunderte sich über den köstlichen Duft, der der Flasche
entströmte. Neugierig geworden probierte er einen Schluck und geriet
in himmlische Verzückung. Er erkannte seine Chance, ließ den Inhalt
der Flasche analysieren, um anschließend große Mengen zu synthetisieren,
die er in eichenen Fässern lagerte. Er taufte sein Getränk "Williams
Christ Birne", kurz "Willi", das ihm soviel Geld einbrachte, dass
er seine Stelle als Kirchendiener kündigen konnte. Und nun kennt
ihr - die wahre Geschichte.
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