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Abschied vom Watz

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"Du bist gekommen, um mir Lebewohl zu sagen", kommentierte ich die Tatsache, dass Petroselius auf zwei gepackten Koffern saß. Wie so oft bei besonderen Gelegenheiten, hatte er sich fein heraus geputzt. Diesmal trug er einen roten Filzhut mit einer langen Rebhuhn-Feder. Ich musste lachen, denn ich wußte genau, worauf er anspielte.
"Geh du mal wieder auf dein Oktoberfest und mach' noch mehr Fotos." Die Stimme des Kobolds klang entspannt und gelöst, irgendwie auch feierlich.
"So, noch mehr Fotos?" Ich schaute ihn fragend an. "Ich komme mir albern vor. Ich habe schon so viele Bilder. Ich weiß nicht, ob ich noch mehr brauche."
"Scheint noch nicht das Richtige dabei gewesen zu sein, sonst würdest du ja nicht nach weiteren Motiven suchen", sinnierte der Kobold.

 
     

Ich legte den Kopf schief. "Ah, ist das dein Abschieds-Koan? Oder habe ich den Wink mit dem Zaunpfahl schon verstanden?"
"Wer suchet der findet, so heißt es doch bei euch Menschen", grinste Petroselius.
"Der Weg ist das Ziel?!" hielt ich entgegen.
"Alle Wege führen nach Rom." Der Kobold schien auf Wortspiele aus zu sein.
"Rom wurde nicht an einem Tag erbaut", konterte ich.
"Aus Steinen, die man dir in den Weg legt, lässt sich auch etwas Schönes bauen", zitierte der Watz, und so blieb mir nur mein Lieblingssatz: "Schönheit liegt im Auge des Betrachters."
Der Watz kicherte. "Betrachtenswert!"
Darauf fiel mir nichts mehr ein, außer: "Mit diesem Unsinn lässt du mich nun hier sitzen?"
"Es wird noch viel unsinniger", verriet der Kobold. Hinter ihm öffnete sich so etwas wie ein Fenster, vielleicht war es auch eine Tür. Ein zarter Hauch aus bläulich-weißem Nebel stieg um den Kobold herum auf. Die helle Öffnung erzeugte einen leisen Sog und die Nebelschwaden, fast sahen sie aus wie blauer Dunst, setzten sich sanft in Bewegung. Petroselius begann sich aufzulösen, er wurde immer transparenter. Er und der Licht-Dunst schienen von der Öffnung angezogen zu werden.
"Ich möchte mich bedanken für die Zeit, in der ich dich begleiten durfte", sagte er.
"Oh, ganz meinerseits. Ich würde eher sagen es ist umgekehrt: ich bedanke mich bei DIR, dass du immer mal wieder vorbei geschaut hast", entgegnete ich. "Die Gespräche mit dir waren immer sehr erhellend. Wie soll es denn jetzt weiter gehen? Warum gehst du fort? Hier gibt es doch noch eine Menge zu tun!"
"Ich habe alles für dich getan, was ich tun konnte. Meine Aufgabe an dieser Stelle ist erfüllt, ich habe eine neue bekommen. Für dich stehen nun andere Begleiter bereit."
"Gleich mehrere?"
Der Watz nickte. "Gleich mehrere."
"Nun gut?" Ich zog eine Augenbraue hoch und sah vermutlich aus wie Mister Spok.
Der Kobold
warf einen Blick über seine Schulter. Das kleine Fenster öffnete sich allmählich zu einem sanft rotierenden, in immer kürzeren Abständen pulsierenden Portal, das gleichermaßen anziehend wie furchterregend aussah. Petroselius lächelte.
"Es ist nicht das, was du denkst. Es ist vielmehr das, worüber du neulich mit deinem Notizblock sinniert hast."
"Oktoberfest-Karusselfahren?"
Der Watz lachte amüsiert. "Ja sicher."
Ich wurde wieder ernst. "Eine neue Geschichte also..."
"Eine? Tausende vermutlich. Lerne, wie man das Portal benutzt. Deine Leser werden es lieben. Aber verlier nicht den Faden. Wenn man durch die Dimensionen hoppst, kann man schon mal an der falschen Stelle raus kommen, oder irgendwo im glückseligen Nirwana hängen bleiben." Der Kobold griff nach seinen Koffern.
"Petroselius, es ist doch albern, dass du hier mit Koffern erscheinst. Als Kobold braucht man sowas doch gar nicht, oder?" wagte ich einzuwerfen.
"Stimmt!" Der Watz schleuderte die beiden Köfferchen in den Raum. Scheppernd und polternd landeten sie unter meinem Schreibtisch. Einer der Koffer sprang auf, im Halbdunkel konnte ich etwas blinken und schimmern sehen.
"Leb wohl!" Der Kobold war schon fast weg.
"Auf Wiedersehen?" rief ich ihm hinterher.
Petroselius Form hatte sich in einen diffusen Nebel aufgelöst, und der wurde vom Portal spiralförmig aufgesaugt. Ich hörte den Kobold lachen.
"Ich bin sowieso immer da."

Der Koffer unter dem Tisch öffnete sich vollends und überschwemmte den Fußboden meines Arbeitszimmers mit perlmuttartig schimmernden Hosenknöpfen. Es waren Hunderte, nein, Tausende. Was für ein skurriles Abschiedsgeschenk! dachte ich. Aber für irgendetwas würden sie schon gut sein.

Wie alles anfing

Diese Geschichte entstand am 26.09.2011

 
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