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Brauchen wir Ziele?
Sigi schrieb neulich: "Fast überall taucht das Thema Zielsetzen auf. Ständig heisst es irgendwo, setze dir ein Ziel und verfolge dieses und blablablubb. (...) Warum zum Teufel kann ich eigentlich nicht völlig ziellos durch mein Leben laufen? Ich hab überhaupt keine Lust auf irgendein Ziel."

 
 

Jeder von uns hat mindestens ein Ziel...
... wir sind uns vielleicht nur nicht im Klaren darüber. Ich wage zu behaupten, dass jeder Mensch, der geboren wird, ein Ziel hat. Im Minimalfall lautet dieses Ziel: Überleben. Vielleicht lautet es auch: die Art erhalten. Diese beiden "Ziele" werden uns von der Natur in unseren Genen mitgegeben. Spätestens in einer Gefahrensituation, wenn unser Verstand abschaltet und nur noch der Instinkt greift, schaltet sich das Überlebensprogramm ein. Man mag nun geteilter Meinung darüber sein, ob man diese biologische Programmierung als "Ziel" ansehen kann. Aber gehen wir einen Schritt weiter:

Wünsche, Träume, Hoffnungen...
...sind die Vorstufe möglicher Ziele. Wovon träumen Sie? Warum hat die Sendung "Wer wird Millionär?" einen so unglaublichen Zulauf? Vielleicht träumen Sie davon, ein bestimmtes Auto zu besitzen, eine Reise in ein fernes Land zu machen oder ähnliches. Viele Leute wünschen sich nichts sehnlicher, als endlich den/die PartnerIn für's Leben zu finden. Wer träumt, der erwartet nicht unbedingt, dass seine Träume in Erfüllung gehen. Er wird nur sporadisch konkrete Maßnahmen ergreifen, um seine Träume in der Realität zu verwirklichen. Es kann passieren, dass die Träume von selbst wahr werden - es kann aber auch beim ewigen Traum bleiben. Wenn die vielen verschiedenen Wünsche, Träume und Hoffnungen in unserem Inneren gegeneinander arbeiten, wird das Leben keine klare Richtung haben. Aber wer sagt, dass es das haben muss? So lange man mit sich und seinen Lebensumständen zufrieden ist, besteht keine Notwendigkeit zu handeln. Ein Träumer wird sein Gesicht nicht verlieren, denn er hat sich zu nichts verpflichtet. Es war ja nur ein Traum. Doch bei vielen Menschen meldet sich irgendwann eine nagende Unzufriedenheit: sie fragen sich, was in ihrem Leben verkehrt läuft. Warum ihre Wünsche unerfüllt bleiben. Sie möchten daran etwas ändern.

Veränderungen steuern
Wer es ernst mit sich meint, wird irgendwann darüber nachdenken, was ihm zu seinem persönlichen Glück fehlt. Er wird analytisch und systematisch vorgehen: eine Standortbestimmung machen und herausfinden, wo er hin möchte. Er formuliert ein Ziel. Er wird die Ist-Situation mit der Wunsch-Situation vergleichen und nach Wegen und Lösungen suchen, die ihn von A nach B bringen können. Bei der Umsetzung tauchen womöglich Hindernisse auf. Und für diese Hindernisse müssen dann auch wieder Lösungen erdacht und umgesetzt werden. Das Fernziel bleibt durch das Setzen kleinerer Etappenziele in Sichtweite. Es gibt Menschen, die diese Zielsetzungs- und Zielerreichungsmechanismen gut begriffen haben, und sie in ihrem Leben diszipliniert und erfolgreich anwenden. Sie machen Karriere, surfen auf dem Wellenkamm von Höhepunkt zu Höhepunkt, und werden von den weniger Erfolgreichen bewundert. Die Kehrseite: erfolgsverwöhnte Menschen enden nicht selten als Sklaven ihres eigenen Erfolgs. Doch davon soll ein andermal die Rede sein.

Betrachten wir die weniger Erfolgreichen: Bei einer Zielplanung sind die meisten Situationen viel zu komplex, als dass man alle Eventualitäten bedenken könnte. Man glaubt, man hätte einen Weg gefunden - aber dann geht doch alles schief. Oft entpuppt sich die Verfolgung persönlicher Ziele als verwirrendes Labyrinth aus Versuch und Irrtum. Man hat sich Maßnahmenpläne zurecht gelegt, und trotzdem unterscheidet sich das Ergebnis eines Strategen auf den ersten Blick nicht maßgeblich von den Zufalls-Erfolgen begnadeter Tagträumer. Es hat sogar eher einen Beigeschmack von persönlicher Erfolglosigkeit. Man hat sich abgestrampelt, alle Tipps und Regeln befolgt und ist am Ende genau so schlau wie vorher. Man ist konfrontiert mit dem beklemmenden Gefühl des Scheiterns, der Sinnlosigkeit.

Loslassen
Mißerfolg nagt am Selbstwertgefühl, man sorgt sich vielleicht um den "Gesichtsverlust", den man erleiden könnte. So halten manche Menschen selbst in aussichtsloser Lage an illusionären Zielen fest. Dabei ist das Loslassen eines Ziels mindestens ebenso wertvoll, wie seine Formulierung. Manchmal gelangt man erst unterwegs zur wichtigen Erkenntnis, dass man seine Zeit mit vordergründigen Beschäftigungen vertut. Man erkennt vielleicht, dass genau in diesem Misserfolg, im Scheitern, der Sinn liegt. Die Paradoxie ist komplett, die Grenzen des Verstandes sind erreicht. Man versteht auf einmal, was Sokrates meinte, als er sagte: "Ich weiß, dass ich nichts weiß". Das Nichterreichen des Ziels und das Loslassen öffnen die Tür zu einer anderen Ebene.

Was wird aus den Zielen?
Zuvor haben unsere sorgsam formulierten Ziele das Leben strukturiert, haben jeder unserer Handlungen einen Rahmen, eine Richtung und einen Sinn gegeben. Dieser Rahmen ist auf einmal weg. Wir sind frei jeden beliebigen Weg einzuschlagen. Ganz oft haben wir sofort ein neues Ziel, auf das wir uns stürzen können.
Aber vielleicht haben wir die ernüchternde Erfahrung des Loslassens schon mehrmals hinter uns, und sind ratlos, weil uns mittlerweile kein neues Ziel mehr einfällt, das einen sinnvollen Rahmen bieten würde. Diese Freiheit kann uns überfordern. Wir können uns klar machen, dass alle Wege zum "Ziel" führen, selbst wenn der Verstand dieses "Ziel" nicht explizit benennen kann. Vielleicht lässt er sich auf folgendes ein:

 

Der Weg ist das Ziel

Und dieser Weg erscheint mitunter fad und grau, so als würde man durch Nebel laufen. Orientierungslos. Ziellos. Vielleicht sogar absichtslos. Aber irgendwann kommt eine Kreuzung. Und dann noch eine. Und dann noch eine. Wir treffen ständig Entscheidungen. Wenn wir es nicht bewußt tun, übernimmt unser Unterbewußtsein diese Entscheidungen. Was auch immer wir tun: es geht immer weiter.

 

Und irgendwann verändert sich die Wahrnehmung. Der Wanderer erkennt, dass zwar alle Wege zum Ziel führen, aber dass er große Lust verspürt, einen ganz bestimmten Weg zu nehmen. Und so wandert er weiter. Vielleicht mit neuen Zielen, vielleicht auch ohne..

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