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Meine Geschichte - Das Lebensdrehbuch (2/2)

Keine Angst vor deiner Phantasie.
Kein Vogel kann zu hoch fliegen,
wenn er seine eigenen Flügel benutzt.

William Blake

 
     

Wendepunkte
Spannende Geschichten, egal ob Heimatfilm oder Thriller, haben eine oder mehrere dramatische Wendungen. Wenn Sie das nächste Mal fernsehen, fiebern Sie mal nicht mit den Helden der Geschichte mit. Gehen Sie auf Distanz und beobachten Sie den Verlauf der Handlung. Was tun die Protagonisten, was unterlassen sie? Ganz oft sind Filme so aufgebaut, dass der Zuschauer mehr weiß, als die Figuren. Wenn Sie als Kind oder mit Ihren Kindern je ein Kasperletheater besucht haben, wissen Sie, wovon die Rede ist. Der Kasper gerät in Gefahr und alle Kinder rufen laut: Nein, nein, Kasperle, pass auf! Aber was tut der dumme Kasper? Er läuft geradewegs mitten hinein in die Falle und bekommt vom bösen Räuber erst mal richtig eine übergebraten. Wie gut, dass am Ende alles gut wird. Viele dieser klassischen Dramaturgien spielen wir in unserem Leben unbewusst nach.

Wie reagieren Sie, wenn Sie Menschen begegnen, bei denen sich in 20 Jahren Leben kaum etwas Nennenswertes ereignet hat? Der gleiche Job, der gleiche Partner, keine extraorbitanten Höhen oder Tiefen – ist das nicht eher ungewöhnlich? Aber daraus lässt sich natürlich keine beeindruckende Geschichte zaubern. Wie sehr wir die besondere Dramatik von Biographien lieben, zeigt sich an Fernsehformaten wie DSDS oder der märchengleichen Geschichte von Paul Potts. Auch der Absturz von Megastars ins finanzielle oder persönliche Desaster bewegt die Massen. Der Skandal ist ebenfalls eine beliebte Form der Dramaturgie. Wir sammeln tagtäglich, ganz nebenbei und unbewusst, aus all diesen Geschichten Bausteine für unser eigenes Lebensdrehbuch.

Wenn Sie sich die Geschichten ansehen und rückblickend mit ihrem bisherigen Lebensweg vergleichen, werden Sie vermutlich feststellen, dass es immer Augenblicke gegeben hat, in denen eine Wendung möglich war. Der Job, den Sie nicht bekommen haben. Die Frau, die Sie getroffen haben, weil Sie nicht wie sonst am Bahnhof, sondern bei Aldi eingekauft haben – und so weiter.

Um auf das Bild mit dem Zug zurück zu kommen: Sie sind, vielleicht von ihren Eltern und Lehrern, in diesen Zug hinein gesetzt worden. Vielleicht ist es ein Fernreisezug, der nur an wenigen Stationen hält und schnell voran kommt. Vielleicht ist es aber auch ein Bummelzug, der auf Nebenstrecken fährt, und an jeder Wiesenblume Halt macht. Sie sind der Protagonist. Was ist Ihr Auftrag? Schnell voran kommen? Die Fahrt genießen? Wer oder was erwartet Sie am Zielbahnhof? Ist es die Endstation oder ein Umsteigebahnhof? Wachen Sie auf. Sie müssen nicht in diesem Zug sitzen bleiben. Vielleicht sollten sie zu Fuß gehen oder in der nächsten größeren Stadt in ein anderes Verkehrsmittel umsteigen.


Ein Gedankenexperiment

Stellen Sie sich vor, Sie begegnen in diesem Zug einem Filmemacher, der Ihr Leben für eine TV-Serie verfilmen möchte. Ihr bisheriges Leben wird in einem zweistündigen Pilotfilm gezeigt. Die 24 weiteren Folgen können Sie selbst mit gestalten. Ihre Aufgabe ist es nun, das Drehbuch für diese Folgen zu schreiben. Was passiert in Folge 1? Wo stehen Sie in Folge 12, wo in Folge 24? Wer spielt im Pilotfilm mit, wer ist in Folge 24 noch mit von der Partie? Wem könnten Sie in Folge 5 begegnen? Sie müssen das Drehbuch nicht in der Ich-Form schreiben. Wählen Sie einen Stellvertreter oder eine Stellvertreterin, die ihren Part übernimmt. Geben Sie ihm oder ihr einen Namen und statten Sie ihn oder sie mit Eigenschaften aus, die Sie vielleicht gar nicht (oder noch nicht) haben. Was tut diese Figur? Was denkt sie? Was will sie? Und wie geht sie mit den jeweiligen Szenen um?

Lassen Sie Ihrer Phantasie freien Lauf und notieren Sie alles, was Ihnen einfällt. Es geht nicht darum, einen perfekten Text oder gar ein echtes Drehbuch zu verfassen. Es geht vielmehr darum, in dieser spielerischen Atmosphäre einmal durchzuspielen, welche Skripte in Ihrem Unterbewusstsein vielleicht schon angelegt sind. Vielleicht sind Sie überrascht, welche grandiosen Möglichkeiten vor Ihnen liegen. Vielleicht erkennen Sie auch, welche Dramen Sie Ihrem Protagonisten zumuten würden. Was Sie aufschreiben, muss nicht geschehen. Denn indem Sie das Drehbuch niederschreiben, bekommen Sie Material, das Sie abändern können, wenn Sie feststellen sollten, dass Ihr Held/Ihre Heldin eine bessere Geschichte verdient hat. Als Drehbuchautor sind Sie so etwas wie „der liebe Gott“. Sie können Schicksal spielen: neue Figuren ins Spiel bringen, Ereignisse erfinden, die das bisher Geschehene in ein anderes Licht rücken. Sie können sogar die Vergangenheit verändern: stellen Sie sich beispielsweise vor, Ihr Protagonist findet in einem verstaubten Schrank auf dem Speicher einen Brief seiner verstorbenen Großeltern, in dem er bahnbrechende Neuigkeiten erfährt...

Natürlich wird dieses Experiment nichts daran ändern, wo Sie tatsächlich aufgewachsen und mit wem Sie zur Schule gegangen sind. Aber Sie können Ihre Biographie einmal aus einer ganz anderen Perspektive betrachten.

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