Meine Geschichte - Das Lebensdrehbuch
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Keine Angst vor deiner Phantasie.
Kein Vogel kann zu hoch fliegen,
wenn er seine eigenen Flügel benutzt.
William
Blake
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Wendepunkte
Spannende Geschichten, egal ob Heimatfilm
oder Thriller, haben eine oder mehrere dramatische Wendungen. Wenn
Sie das nächste Mal fernsehen, fiebern Sie mal nicht mit den
Helden der Geschichte mit. Gehen Sie auf Distanz und beobachten
Sie den Verlauf der Handlung. Was tun die Protagonisten, was unterlassen
sie? Ganz oft sind Filme so aufgebaut, dass der Zuschauer mehr weiß,
als die Figuren. Wenn Sie als Kind oder mit Ihren Kindern je ein
Kasperletheater besucht haben, wissen Sie, wovon die Rede ist. Der
Kasper gerät in Gefahr und alle Kinder rufen laut: Nein, nein,
Kasperle, pass auf! Aber was tut der dumme Kasper? Er läuft
geradewegs mitten hinein in die Falle und bekommt vom bösen
Räuber erst mal richtig eine übergebraten. Wie gut, dass
am Ende alles gut wird. Viele dieser klassischen Dramaturgien spielen
wir in unserem Leben unbewusst nach.
Wie reagieren Sie, wenn Sie Menschen begegnen,
bei denen sich in 20 Jahren Leben kaum etwas Nennenswertes ereignet
hat? Der gleiche Job, der gleiche Partner, keine extraorbitanten
Höhen oder Tiefen ist das nicht eher ungewöhnlich?
Aber daraus lässt sich natürlich keine beeindruckende
Geschichte zaubern. Wie sehr wir die besondere Dramatik von Biographien
lieben, zeigt sich an Fernsehformaten wie DSDS oder der märchengleichen
Geschichte von Paul
Potts. Auch der Absturz von Megastars ins finanzielle oder persönliche
Desaster bewegt die Massen. Der Skandal ist ebenfalls eine beliebte
Form der Dramaturgie. Wir sammeln tagtäglich, ganz nebenbei
und unbewusst, aus all diesen Geschichten Bausteine für unser
eigenes Lebensdrehbuch.
Wenn Sie sich die Geschichten ansehen und rückblickend
mit ihrem bisherigen Lebensweg vergleichen, werden Sie vermutlich
feststellen, dass es immer Augenblicke gegeben hat, in denen eine
Wendung möglich war. Der Job, den Sie nicht bekommen haben.
Die Frau, die Sie getroffen haben, weil Sie nicht wie sonst am Bahnhof,
sondern bei Aldi eingekauft haben und so weiter.
Um auf das Bild mit dem Zug zurück zu kommen:
Sie sind, vielleicht von ihren Eltern und Lehrern, in diesen Zug
hinein gesetzt worden. Vielleicht ist es ein Fernreisezug, der nur
an wenigen Stationen hält und schnell voran kommt. Vielleicht
ist es aber auch ein Bummelzug, der auf Nebenstrecken fährt,
und an jeder Wiesenblume Halt macht. Sie sind der Protagonist. Was
ist Ihr Auftrag? Schnell voran kommen? Die Fahrt genießen?
Wer oder was erwartet Sie am Zielbahnhof? Ist es die Endstation
oder ein Umsteigebahnhof? Wachen Sie auf. Sie müssen nicht
in diesem Zug sitzen bleiben. Vielleicht sollten sie zu Fuß
gehen oder in der nächsten größeren Stadt in ein
anderes Verkehrsmittel umsteigen.
Ein
Gedankenexperiment
Stellen Sie sich vor, Sie begegnen in diesem Zug
einem Filmemacher, der Ihr Leben für eine TV-Serie verfilmen
möchte. Ihr bisheriges Leben wird in einem zweistündigen
Pilotfilm gezeigt. Die 24 weiteren Folgen können Sie selbst
mit gestalten. Ihre Aufgabe ist es nun, das Drehbuch für diese
Folgen zu schreiben. Was passiert in Folge 1? Wo stehen Sie in Folge
12, wo in Folge 24? Wer spielt im Pilotfilm mit, wer ist in Folge
24 noch mit von der Partie? Wem könnten Sie in Folge 5 begegnen?
Sie müssen das Drehbuch nicht in der Ich-Form schreiben. Wählen
Sie einen Stellvertreter oder eine Stellvertreterin, die ihren Part
übernimmt. Geben Sie ihm oder ihr einen Namen und statten Sie
ihn oder sie mit Eigenschaften aus, die Sie vielleicht gar nicht
(oder noch nicht) haben. Was tut diese Figur? Was denkt sie? Was
will sie? Und wie geht sie mit den jeweiligen Szenen um?
Lassen Sie Ihrer Phantasie freien Lauf und notieren
Sie alles, was Ihnen einfällt. Es geht nicht darum, einen perfekten
Text oder gar ein echtes Drehbuch zu verfassen. Es geht vielmehr
darum, in dieser spielerischen Atmosphäre einmal durchzuspielen,
welche Skripte in Ihrem Unterbewusstsein vielleicht schon angelegt
sind. Vielleicht sind Sie überrascht, welche grandiosen Möglichkeiten
vor Ihnen liegen. Vielleicht erkennen Sie auch, welche Dramen Sie
Ihrem Protagonisten zumuten würden. Was Sie aufschreiben, muss
nicht geschehen. Denn indem Sie das Drehbuch niederschreiben, bekommen
Sie Material, das Sie abändern können, wenn Sie feststellen
sollten, dass Ihr Held/Ihre Heldin eine bessere Geschichte verdient
hat. Als Drehbuchautor sind Sie so etwas wie der liebe Gott.
Sie können Schicksal spielen: neue Figuren ins Spiel bringen,
Ereignisse erfinden, die das bisher Geschehene in ein anderes Licht
rücken. Sie können sogar die Vergangenheit verändern:
stellen Sie sich beispielsweise vor, Ihr Protagonist findet in einem
verstaubten Schrank auf dem Speicher einen Brief seiner verstorbenen
Großeltern, in dem er bahnbrechende Neuigkeiten erfährt...
Natürlich wird dieses Experiment nichts daran
ändern, wo Sie tatsächlich aufgewachsen und mit wem Sie
zur Schule gegangen sind. Aber Sie können Ihre Biographie einmal
aus einer ganz anderen Perspektive betrachten.
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